
Screaming Girl

Wo Worte abbrechen, bleibt der Schrei.
Der Schrei ist bereits da, bevor sich das Bild vollständig erschließt. Der geöffnete Mund durchbricht die sonst beinahe fragile Erscheinung des Kindes. Das Gesicht ist verzogen, die Augen geschlossen – ein Moment, in dem Kontrolle und Selbstbeobachtung aufgehoben scheinen.
Doch Screaming Girl ist weniger die Darstellung eines Schreis als die malerische Untersuchung eines Zustands. Nadine Sommerauer lässt die Figur aus einem Geflecht von Türkis, gebrochenem Blau, erdigen Hauttönen, Linien und Schrift hervortreten. Die Malerei verdichtet sich im Gesicht und löst sich an anderer Stelle wieder auf. Haare, Haut und Hintergrund verlieren ihre klaren Grenzen.
Die Schrift verändert dabei den Bildraum. Sie liegt nicht einfach hinter der Figur, sondern durchzieht die Oberfläche wie eine zweite Ebene des Bewusstseins.
Einzelne Worte werden lesbar, andere verschwinden unter Farbe und Übermalung. Sprache scheint vorhanden – und gleichzeitig nicht auszureichen.
Gerade darin liegt die Spannung des Werkes. Der Schrei ist maximal körperlich, während die Schrift nach Ordnung, Benennung und vielleicht Verständigung sucht. Zwei Ausdrucksformen treffen aufeinander: die unmittelbare Reaktion des Körpers und der Versuch, Erfahrung in Sprache zu fassen.
Die zahlreichen Spuren der Mischtechnik bleiben sichtbar. Kratzer, Überlagerungen, transparente Passagen und abrupte Farbwechsel verhindern eine glatte Oberfläche. Das Bild bewahrt den Prozess seiner Entstehung und überträgt dessen Unruhe auf die dargestellte Figur.
Screaming Girl hält keinen stillen Augenblick fest. Das Bild scheint unter Spannung zu stehen – zwischen Kindlichkeit und Überforderung, Sprache und Laut, Oberfläche und Körper.

Screaming Girl
Nadine Sommerauer · 2021
Mischtechnik auf Leinwand
50 × 50 × 3,5 cm
Originalgemälde · Unikat




